"Gillkötter Stiftung-Münster-Sylt" –Wer dahinter steckt und wie es dazu kam ...

Power-Paar mit sympathischen Ambitionen

Sich sozial engagieren, Leben retten auf See und an Land, andere unterstützen, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten – wer macht denn so etwas? Hier erfahren Sie, wer hinter der unkonventionellen „Gillkötter Stiftung-Münster-Sylt“ steckt und wie es dazu kam.

Ein Portrait von Kattrin Mauz-Rudi, Redaktion „Mein Sylt“

Dorothee und Fritz Jürgen Gillkötter, sie kommen aus Münster/Westfalen, besaßen einst ein florierendes Unternehmen, klassischer Mittelstand im allerbesten Sinne, Handwerk mit viel familiärer Tradition im Hintergrund, drei Geschäftsstellen, das haben sie irgendwann verkauft. Von dem Erlös gründeten sie eine Stiftung, mit der sie seither unkonventionell Gutes tun. Fertig.

Ganz so simpel ist es natürlich nicht. Was willst du machen, wenn du älter wirst, war die Frage, die sich der Optikermeister und die Optikerin eines Tages stellten, nach über 125 Jahren überaus erfolgreicher familiärer Tradition in der Optikbranche, davon 46 Jahre in ihrer beider Regie.

Dorothee und Fritz Jürgen Gillkötter

Die Gillkötters sind entschlossene, zupackende Menschen, als sie für sich obige Frage beantwortet hatten, ging wie so häufig bei den beiden alles sehr schnell voran. 2016 wurde das Unternehmen verkauft. Eine Stiftung gründen, sich engagieren, das Geld finanziell vernünftig anlegen, es für soziale Zwecke etwas tun lassen.

Es gab, als das Geschäft schließlich verkauft wurde, als es für das Paar in den Unruhestand ging, also schon länger einen Plan. Den Lebensmittelpunkt verlagern, etwas am Meer, das wäre schön, das Klima tut gut, und schließlich ist Fritz seit ewigen Zeiten in der DLRG und seit einiger Zeit auch in der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) aktiv. Wasserrettung und alles drumherum, das war seit den 1970ern sein Hobby, er besitzt selbstverständlich alle Scheine, die man da so machen kann, Ausbilder, Prüfer für die Bootsführerscheine und Seefunk, Ersthelfer. Ans Meer sollte es also gehen. Nahezu alle Nordseeinseln haben sie „durchgetestet“ über die Jahre und man kann sich vorstellen, wie sie das angegangen sind: ein Plan, ein Konzept und dann wird das durchgezogen im Hause Gillkötter.

Zwei Interessen standen bei der Prüfung im Vordergrund: ihr Anspruch als Stadtmensch, alles möglich sein, rund um das Thema Wasser, Rettung, Meer und so, engagieren zu können. Den Kompromiss für beide gab es mitten in der Inselhauptstadt Westerland, nicht etwa dort, wo alles für die Gäste frisiert wird, eher nah dran am echten Leben. Ein paar richtige Nachbarn gibt es hier noch, der touristische Verkehr rauscht vorbei, die Verwaltung wohnt in der Nähe, das Schulzentrum, die Feuerwehr und die Rettungsstation auch, ein sehr guter Freund wird rasch der türkische Nachbar. Das passt.

Wer heute in dem Biotop von Dorothee und Fritz Gillkötter lebt, trifft ihn eigentlich andauernd. Mal als Helfer bei der Sylter Tafel oder fast jeden Abend „gucken, ob das Meer noch da ist“. Der Rettungshubschrauber muss landen, Fritz sperrt die Straße. Ein schrecklicher Unfall oder Notfall, also, das war was, Reanimation, Fritz mittendrin. Egal, ob jemand in der Nähe mit dem Hochdruckreiniger oder dem Bulliausbau kämpft, ob Coronatest-Personal oder Hilfe für verzweifelt strandende Ukrainer dringend gebraucht wird, Fritz ist dabei. Dieser Mann ist notorisch hilfsbereit und braucht was um die Ohren, damit er ausgelastet ist, er packt überall mit an. Als Seenotretter, sogenannter „Ersthelfer See“, unterstützt er auch im Rettungsdienst bei Reanimationen auf der Insel.

War das schon immer so? „Nee“, lacht er, „früher musste ich ja von morgens bis abends arbeiten“. „Natürlich“, sagt sie mit einem Ausrufungszeichen, und weil sie mindestens genauso temperamentvoll ist wie er „Er kann das alles gerne so machen“, Dorothee Gillkötter ist da großherzig und sehr belastbar unterwegs, „dann habe ich meine Ruhe. Nur in der Sonne, mit einem Buch auf der Terrasse, da kommt er mal runter“. So für eine halbe Stunde. Länger hält er das Nichtstun wirklich nicht gerne aus. Seit 48 Jahren steuern Dorothee und Fritz gemeinsam und sehr alert durchs Leben, seit 46 Jahren sind sie verheiratet, man sieht sie ihnen beiden nicht an, diese Jahrzehnte, schmal, beweglich, aufrecht und agil wie sie sind. Bis heute pflegen sie eine kluge und klare Arbeitsteilung, so wie früher, da war er immer im „Großen“ Laden, dem Traditionshaus, und sie hat den „Kleinen“ geschmissen.

Er beschleunigt sinn- und zielsuchend in der Gegend herum, sie geht lieber zum Yoga oder joggt. Er mag Hörbücher, sie liest leidenschaftlich. Er schwimmt den ganzen Winter durch, sie geht erst bei 20 Grad mal baden.

Die Lebensachse Meer-Münster haben sie beibehalten, Freunde besuchen, Kontakte halten, auch im Engagement der Stiftung. Wer Hilfe braucht, kann einen Antrag stellen, in der Regel sollte es um gemeinnützige Dinge gehen, sie haben ihren ganz eigenen, sehr persönlich definierten Rahmen, in dem sie wirken.

Ein bisschen mehr Gillkötter könnte jedem von uns gut stehen.

Die Stiftung fördert also in völlig unterschiedlichen Bereichen: Mal werden Reanimationsgeräte, schnell und sinnvoll zugänglich, installiert, dafür hat er einen professionellen Blick. Es gab neue Funktechnik und einen neuen Außenborder für ehrenamtliche Retter, ein E-Dreirad für Schwerstpflegebedürftige, Weihnachtspäckchen für Kinder. Aktuell eine Initiative zur weiterführenden Bildung von Schulkindern im „Wattlabor“ der Naturgewaltenzentrum der Insel. Auch – und da blitzt ihre gemeinsame Profession wieder auf – ein neues Beratungskonzept für Informationen zum Thema Makula-Degeneration. Schon mehrmals ließen sie Opfern in Flutgebieten Unterstützung zukommen.

Gillkötter, das ist nicht nur auf Sylt das Synonym für 24/7 im Einsatz, für Hilfsbereitschaft und sinnstiftendes Engagement. Scharf kann Fritz lediglich werden, wenn jemand sich nicht korrekt verhält, sich gar leichtfertig in Gefahr für Leib oder Seele begibt, da kennt er kein Pardon. Nicht jeder kann das verstehen, dass es dabei für ihn immer „um die Sache“ geht, wenn er manchmal vielleicht über das Ziel hinausschießt und das auch noch sehr schnell und schärfer, als es eigentlich seinem wahren Naturell entspricht. Sich engagieren, ohne Applaus oder eine Gegenleistung zu erwarten? Etwas weniger Ego und etwas mehr Gillkötter, und nicht nur die Insel Sylt wäre manchmal ein anderer Ort.

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Fritz Jürgen Gillkötter